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Tarifrunde im öffentlichen Dienst

18. Januar 2026 / TraditionArt Verlag

Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder: Zwischen Eckpunkten, Enttäuschung und Eskalationsgefahr

Die Tarifrunde für den öffentlichen Dienst der Länder ist in eine entscheidende Phase eingetreten. Nach der zweiten Verhandlungsrunde Mitte Januar 2026 liegt erstmals ein Rahmen vor, den die Arbeitgeberseite als möglichen Weg zu einer Einigung beschreibt. Doch statt eines konkreten Angebots präsentierte die Tarifgemeinschaft deutscher Länder lediglich Eckpunkte für einen sogenannten Einigungskorridor. Für die Gewerkschaften ist das zu wenig. Sie sprechen von einem unzureichenden Schritt, der weder die wirtschaftliche Realität der Beschäftigten widerspiegelt noch Antworten auf strukturelle Probleme im öffentlichen Dienst liefert.

Der Konflikt spitzt sich zu – und mit ihm die Aussicht auf weitere Warnstreiks in sensiblen Bereichen wie Schulen, Hochschulen, Krankenhäusern und Verwaltungen.

Zweite Verhandlungsrunde ohne Durchbruch

Am 15. und 16. Januar 2026 kamen Arbeitgeber und Gewerkschaften zur zweiten Runde der Tarifverhandlungen für den Tarifvertrag der Länder (TV-L) zusammen. Erstmals legte die Arbeitgeberseite dabei Eckpunkte vor, die einen möglichen Abschluss umreißen sollen. Ein verbindliches, abschlussfähiges Angebot blieb jedoch aus.

Kern des Arbeitgebervorschlags ist eine Entgelterhöhung in drei Stufen, verteilt auf die Haushaltsjahre 2026, 2027 und 2028. Die Erhöhungen sollen sich leicht oberhalb der erwarteten Inflationsrate bewegen. Insgesamt würde dies nach Darstellung der Länder einer Steigerung von rund fünf Prozent entsprechen. Vorgesehen ist zudem eine lange Laufzeit von 29 Monaten bis Ende März 2028.

Für die Arbeitgeber ist dieser Rahmen ein realistischer Kompromiss, der finanzielle Spielräume und politische Haushaltszwänge berücksichtigt. Für die Gewerkschaften hingegen markiert er eher die Grenze dessen, was sie als tragfähig ansehen – und in vielen Punkten bereits darunter.

Lange Laufzeit als zentraler Streitpunkt

Besonders kritisch bewerten die Gewerkschaften die vorgeschlagene Laufzeit von mehr als zwei Jahren. Aus ihrer Sicht zementiert eine derart lange Bindung die Reallohnverluste der vergangenen Jahre.

Tarifrunde im öffentlichen Dienst

Tarifrunde im öffentlichen Dienst

Die Preissteigerungen seit Beginn der Inflationskrise hätten die Kaufkraft vieler Beschäftigter erheblich geschwächt. Eine moderate Erhöhung über einen langen Zeitraum reiche nicht aus, um diesen Verlust auszugleichen.

Hinzu kommt, dass die Eckpunkte keine klaren Angaben zu sogenannten Nullmonaten enthalten, also Zeiträume ohne Entgelterhöhung. Gewerkschaftsvertreter befürchten, dass solche Phasen faktisch Teil des Konzepts sind und die reale Wirkung der Erhöhungen weiter schmälern würden.

Was die TdL konkret vorschlägt – Tarifrunde im öffentlichen Dienst

Inhaltlich umfasst das Eckpunktepapier der Länder mehrere Bausteine. Neben den allgemeinen Entgelterhöhungen gehören dazu gezielte Maßnahmen für Auszubildende, Studierende sowie strukturelle Reformen im Eingruppierungsrecht.

Für Auszubildende ist ein Paket vorgesehen, das eine Erhöhung der Ausbildungsvergütung um insgesamt 120 Euro in drei Stufen vorsieht. Zudem sollen bestehende Übernahmeregelungen erneut vereinbart und die vermögenswirksamen Leistungen in Ost und West angeglichen werden. Auszubildende, die nach der Ausbildung übernommen werden und mindestens einen guten Abschluss vorweisen, sollen schneller die nächste Entgeltstufe erreichen. Ergänzt wird dies durch eine höhere Abschlussprämie für leistungsstarke Absolventinnen und Absolventen.

Auch für studentische Beschäftigte sehen die Länder Mindeststundenentgelte oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns vor. Diese sollen schrittweise ansteigen – beginnend mit 15,06 Euro im Sommersemester 2026 bis hin zu 16,49 Euro im Sommersemester 2028.

Darüber hinaus planen die Arbeitgeber eine Erhöhung der Wechselschicht- und Schichtzulagen sowie ein umfangreiches Strukturpaket zur Weiterentwicklung des Eingruppierungsrechts.

Anerkennung einzelner Punkte – aber kein Gesamtpaket

Die Gewerkschaften erkennen an, dass die Arbeitgeber erstmals Bewegung zeigen. Insbesondere die vorgesehenen Verbesserungen für Auszubildende und die höheren Stundenentgelte für studentische Beschäftigte werden nicht grundsätzlich infrage gestellt. Dennoch überwiegt die Kritik.

Aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen bleiben zentrale Forderungen offen. Dazu zählen eine spürbare soziale Komponente bei den Entgeltsteigerungen, verbindliche Tarifregelungen für studentische Beschäftigte sowie klare Zusagen zur Übernahme von Auszubildenden. Auch die vorgeschlagenen Entgelterhöhungen insgesamt gelten als zu niedrig, um die Attraktivität des öffentlichen Dienstes nachhaltig zu stärken.

Strukturfragen: Reform oder Vertagung?

Ein wesentlicher Bestandteil der Eckpunkte ist das angekündigte Strukturpaket zur Weiterentwicklung des Eingruppierungsrechts. Die Länder wollen hier unter anderem eine stufengleiche Höhergruppierung ermöglichen, eine Paralleltabelle für Lehrkräfte ab dem Schuljahr 2028/2029 einführen und das Tarifrecht an die europäische Entgelttransparenzrichtlinie anpassen.

Aus Sicht der Arbeitgeber handelt es sich dabei um einen wichtigen Modernisierungsschritt. Eine Arbeitsgruppe soll bis zur nächsten Verhandlungsrunde konkrete Vorschläge ausarbeiten.

Die Gewerkschaften sehen darin jedoch vor allem eine Vertagung zentraler Entscheidungen. Statt verbindlicher Regelungen werde auf spätere Prozesse verwiesen, deren Ergebnis offen sei. Gerade in Bereichen wie Bildung und Wissenschaft, in denen der Personalmangel besonders groß ist, fehle es an sofort wirksamen Verbesserungen.

Finanzielle Grenzen der Länder – Tarifrunde im öffentlichen Dienst

Die Arbeitgeberseite verweist in den Verhandlungen immer wieder auf die angespannte Haushaltslage der Länder. Steigende Ausgaben, Schuldenbremsen und politische Prioritäten schränkten den Spielraum ein. Dennoch betonen die Länder, dass sie bereit seien, Verantwortung zu übernehmen und zentrale Forderungen zumindest teilweise zu erfüllen.

Aus ihrer Sicht stellen die Eckpunkte einen gangbaren Mittelweg dar, der sowohl die Interessen der Beschäftigten als auch die finanziellen Realitäten berücksichtigt. Die Gespräche seien konstruktiv verlaufen, auch im Austausch mit Jugend- und Studierendenvertretungen.

Gewerkschaften sehen Realität verkannt

Die Gewerkschaften bewerten diese Einschätzung deutlich anders. Für sie spiegeln die Eckpunkte nicht die tatsächlichen Belastungen der Beschäftigten wider. Steigende Mieten, hohe Energiepreise und allgemeine Lebenshaltungskosten hätten den Druck auf viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer massiv erhöht.

Nach Auffassung von ver.di reichen allgemeine Hinweise auf Inflationsausgleich nicht aus. Die Beschäftigten erwarteten konkrete Zahlen und verlässliche Perspektiven. Auch der Vergleich mit dem Abschluss für Bund und Kommunen spielt eine Rolle: Ein Ergebnis deutlich darunter würde den öffentlichen Dienst der Länder im Wettbewerb um Fachkräfte weiter schwächen.

Bildungsbereich besonders unter Druck

Im Bildungsbereich ist die Unzufriedenheit besonders groß. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert, dass die Länder zusätzliche Investitionen in Schulen, Hochschulen und Kitas ablehnen. Gerade hier seien die Folgen des Personalmangels längst spürbar.

Lehrkräfte, pädagogisches Personal und wissenschaftliche Mitarbeiter arbeiten vielerorts an der Belastungsgrenze. Ohne spürbare Verbesserungen bei Entgelt und Arbeitsbedingungen drohe eine weitere Verschärfung der Situation – mit langfristigen Folgen für die Bildungsqualität.

Kritik auch vom Beamtenbund

Ähnlich fällt die Bilanz des Deutscher Beamtenbund aus. Aus seiner Sicht fehlt es in den Verhandlungen bislang an echter Bewegung. Die Arbeitgeber hätten vor allem erläutert, was nicht möglich sei. Antworten darauf, wie die Länder dem zunehmenden Fachkräftemangel begegnen wollen, blieben offen.

Der Beamtenbund warnt davor, dass sich die Tarifrunde ohne ein substanzielles Angebot weiter zuspitzt. Eine Eskalation sei dann kaum noch zu vermeiden.

Warnstreiks als Druckmittel – Tarifrunde im öffentlichen Dienst

Angesichts des Stillstands kündigen alle beteiligten Gewerkschaften eine Ausweitung von Warnstreiks an. Bereits in den kommenden Wochen könnten Beschäftigte in Schulen, Hochschulen, Unikliniken, Verwaltungen, Straßenräumdiensten, Rechenzentren und Finanzämtern die Arbeit niederlegen.

Die Gewerkschaften betonen, dass sie diesen Schritt nicht leichtfertig gehen. Ziel sei es, den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen und sie zu ernsthaften Verhandlungen zu bewegen. Ohne spürbare Bewegung auf Arbeitgeberseite sei dies jedoch das einzige verbleibende Mittel.

Öffentlicher Dienst im Wettbewerb um Fachkräfte

Die Tarifrunde findet vor dem Hintergrund eines zunehmenden Fachkräftemangels statt. In vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes bleiben Stellen unbesetzt. Gleichzeitig konkurrieren die Länder mit der Privatwirtschaft um qualifiziertes Personal.

Aus Sicht der Gewerkschaften ist ein attraktiver Tarifabschluss ein entscheidender Faktor, um den öffentlichen Dienst zukunftsfähig zu machen. Moderate Erhöhungen und lange Laufzeiten senden ihrer Ansicht nach das falsche Signal – sowohl an bestehende Beschäftigte als auch an potenzielle Nachwuchskräfte.

Die dritte Runde als möglicher Wendepunkt

Die Tarifparteien wollen die Verhandlungen am 11. und 12. Februar 2026 in Potsdam fortsetzen. Bis dahin dürfte der Druck weiter steigen. Sollten die Arbeitgeber dann erneut kein konkretes Angebot vorlegen, rechnen die Gewerkschaften mit einer deutlichen Ausweitung der Arbeitskampfmaßnahmen.

Ob es in der dritten Runde zu einem Durchbruch kommt, hängt maßgeblich davon ab, ob die Länder bereit sind, über den bisherigen Einigungskorridor hinauszugehen. Für die Beschäftigten steht viel auf dem Spiel: Es geht nicht nur um Prozentzahlen, sondern um Anerkennung, Kaufkraft und die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Dienstes.

Offener Ausgang mit hoher Sprengkraft

Die Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Die Eckpunkte der Arbeitgeber markieren zwar einen ersten Schritt, reichen aus Sicht der Gewerkschaften jedoch nicht aus. Zu groß sind die Differenzen bei Entgelt, Laufzeit und strukturellen Fragen.

Mit der Ankündigung weiterer Warnstreiks wächst der Druck auf die Länder. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob es gelingt, einen Kompromiss zu finden – oder ob sich der Konflikt weiter verschärft. Sicher ist: Ein bloßes Weiter-so wird weder den Erwartungen der Beschäftigten noch den Herausforderungen des öffentlichen Dienstes gerecht.